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Originalbeitrag. Ausführlich jetzt: Dewey, Kilpatrick und „progressive“ Erziehung. Kritische Studien zur Projektpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011. S. 83-144.
Siehe auch: https://independent.academia.edu/MichaelKnoll/Papers-in-German

Die Projektmethode gehört zu den am meisten diskutierten Methoden des Unterrichts. Alle Reformbewegungen der Gegenwart: etwa zur Ausweitung der Gesamt- und Ganztagesschulen, zur Förderung des praktischen und demokratischen Unterrichts, zur Einführung neuer Lernkulturen und Prüfungsformen – sie alle berufen sich auf die Projektmethode, wenn es um die Implementierung ihrer Programme geht.

Weltbekannt wurde die Methode durch den Aufsatz „The Project Method“, den William H. Kilpatrick im September 1918 im Teachers College Record veröffentlichte. Kilpatrick, einer der großen amerikanischen Reformpädagogen, definierte darin das Projekt als „herzhaftes absichtsvolles Tun“ und machte damit die subjektive „Einstellung“ des Schülers zu seiner Arbeit zum ausschlaggebenden Kriterium seines revolutionären Unterrichtskonzepts. Traditionelle Elemente wie Lehrer, Lehrplan und Belehrung hatten da keinen rechten Platz. „Absicht“, so Kilpatrick, sei immer individuell und situativ, weder planbar noch fixierbar. „Schwindet die Absicht und besteht der Lehrer trotzdem auf der Vollendung dessen, was begonnen wurde, dann wird aus dem Projekt eine Aufgabe“ – bloße Mühe und Arbeit. „Freiheit zum Handeln“ und „Handeln mit Befriedigung“ waren die Schlagworte, mit denen Kilpatrick sein Projektkonzept propagierte.

Die Projektmethode war keine Erfindung von Kilpatrick. Sie entstand bereits im 17. Jahrhundert, als die Architekten und Ingenieure in Italien und Frankreich begannen, ihren Nachwuchs nicht mehr direkt am Bau, sondern an speziellen Schulen und Akademien auszubilden. Am Ende ihres Studiums bekamen die Studenten dann die Aufgabe, Bauvorhaben wie etwa eine Kirche, ein Palais, eine Brücke selbständig zu planen und mit allen Details auszuarbeiten. Diese Abschlussarbeiten, bei denen Probleme der Konstruktion und Gestaltung real-praktisch, nicht abstrakt-theoretisch, zu lösen waren, nannte man „Projekt“. Historisch gesehen gehört die Projektmethode also in dieselbe Kategorie wie das Experiment der Naturwissenschaftler, die Fallmethode der Juristen und das Planspiel der Offiziere; denn wie diese hat das Projekt seinen Ursprung in der Akademisierung und Professionalisierung eines spezifischen Berufs, und wie diese wurde es an den Hochschulen und – im 19. Jahrhundert mit dem Werkunterricht – an den Schulen eingeführt, damit die Schüler und Studenten schon beizeiten lernten, die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überwinden und Aufgaben aus der Lebenswirklichkeit – im technischen Werken z. B. das Herstellen eines Stuhls oder Tisches – eigenständig und kunstgerecht zu lösen.

In seinem Aufsatz von 1918 übernahm Kilpatrick den traditionellen Projektbegriff, erweiterte ihn aber so, dass er nun jede nur erdenkliche Tätigkeit bezeichnen konnte. Wie bisher schloss der Begriff das Anfertigen einer Kommode (Produktionsprojekt) ein, doch bei Kilpatrick gehörten jetzt auch das Lösen einer mathematischen Aufgabe (Problemprojekt), das Auswendiglernen eines Gedichts (Lernprojekt), das Betrachten eines Sonnenuntergangs (Konsumptionsprojekt) dazu. Was auch immer das Kind unternahm, solange es mit „Absicht“ geschah und „Befriedigung“ verschaffte, handelte es sich um ein Projekt. Es erforderte nicht einmal aktives Handeln - das immer wieder beschworene „learning by doing“. Die Kinder, die ein Theaterstück darboten, führten genauso ein Projekt durch wie die Kinder, die im Zuschauerraum saßen und sich köstlich amüsierten.

Kilpatricks Aufsatz rief eine Welle der Begeisterung hervor, die Kritik an seinem Lernkonzept fiel indes nicht weniger kraftvoll aus. Selbst John Dewey, der Philosoph und Freund Kilpatricks, meldete sich zu Wort und kritisierte, dass eine solche Methode, die allein dem Kind die Entscheidung über seinen Lernprozess überlasse, das „Unmögliche“ versuche und mit ihrem Rousseauismus den „Rückfall in die Barbarei“ herbeiführe. Kilpatrick, so Dewey, verwechsle Mittel und Zweck. Er verkenne, dass Denken nicht durch die Ausübung der Freiheit, sondern umgekehrt, dass Freiheit durch die Ausübung des Denkens erreicht werde. Die Führung, die der Lehrer gab, um die Denkfähigkeit des Kindes zu fördern, war, darauf bestand Dewey, eine Bedingung zur Erweiterung der Freiheit und nicht ein Mittel, sie zu unterdrücken.

Deweys Kritik ging an Kilpatrick nicht spurlos vorüber. Das macht ein – auch in den Vereinigten Staaten – bisher unbekannter und unpublizierter Brief deutlich, der sich im Archiv der Mercer University, Macon, Georgia befindet und den der fast achtzigjährige Kilpatrick am 25. Januar 1950 an Abraham Flexner schrieb, als dieser ihn nach Ursprung und Geschichte der Projektmethode fragte. Weit ausholend schilderte Kilpatrick, wie er sein Unterrichtskonzept entwickelt und den Projektbegriff für sich entdeckt hatte. Dann machte er, der stolze und ehrsinnige Mann aus Georgia, ein erstaunliches Geständnis. „Am Ende“, offenbarte er Flexner, „entschied ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, als ich mein Programm mit dem Begriff [Projekt] verband, und ich hörte [Anfang der dreißiger Jahre] auf, den Begriff zu gebrauchen, weil er provokativ und zweideutig war.“

Kilpatrick übte hier eine Selbstkritik, wie sie treffender – und vernichtender – hätte nicht ausfallen können. Seine Projektdefinition war tatsächlich „zweideutig“, denn sie missachtete die Konventionen der Sprache und bezeichnete die subjektive Einstellung des Schülers als eine objektive Methode des Unterrichts; und sie war „provokativ“, denn sie überging die Traditionen des Fachs und ersetzte – aus Neuerungs- und Profilierungssucht – die präzise Fassung des Projekts als „selbständiges konstruktives Tun“ durch die schwammige Wendung „herzhaftes absichtsvolles Tun“.

Es war dieser von Kilpatrick willkürlich herbeigeführte Bruch mit Tradition und Konvention, der Freund und Feind entrüstete und eine heillose Verwirrung stiftete, die zwar in den Vereinigten Staaten bald überwunden wurde, die aber in Europa und speziell in Deutschland bis heute noch nicht ausgestanden ist. Hierzulande wird immer wieder zurecht geklagt, dass der Projektbegriff „unpräzis“, „ausufernd“ und „inflationär“ gebraucht wird und niemand genau erklären kann, wodurch sich die Projektmethode von anderen Methoden des Unterrichts unterscheidet. Der gewandelte Kilpatrick weist den Weg aus dem Dilemma. Verzichten wir wie er auf die weite Definition und nehmen das Projekt einfach wieder als das, was es schon ganz am Anfang bei den Architekten und Ingenieuren war: eine Methode des „konstruktiven, praktischen Problemlösens“. 


Siehe auch:

Michael Knoll: „Ich hatte einen Fehler gemacht“. Ein unbekannter Brief von William H. Kilpatrick zur Projektmethode. In: Pädagogische Rundschau 64 (Januar 2010), H. 1, S. 45-60.

Michael Knoll: Die Projektmethode - ihre Entstehung und Rezeption. Zum 75. Jahrestag des Aufsatzes von William H. Kilpatrick. In: Pädagogik und Schulalltag 48 (August 1993), S. 338-351.

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