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Kirchberg/Jagst: Schloß-Schule Kirchberg 2007. S. 77-86.

Adolf Zoellner am Ende

So zogen sich die Verhandlungen zwischen ihm und dem Ministerium in die Länge und brachten ihn allmählich auch in finanzielle Bedrängnis. Am 22. März 1945 richtete Zoellner noch einmal einen eindringlichen Appell an die Schulbehörde in Stuttgart:

Die Schule Schloss Kirchberg habe ich in den schwierigen Zeiten nach dem Weltkriege aufgebaut ohne eigenes Vermögen, da ich infolge der Inflation alles verloren hatte. Geliehenes Geld musste hoch verzinst werden. Unter solchen Umständen war es nicht möglich, Schulden zu tilgen. Erst ganz allmählich gelang es, notwendige Neueinrichtungen zu schaffen und die Schulden zu beseitigen. Der ganze Gewinn wurde in die Schule gesteckt.

Ich besitze daher kein Vermögen, abgesehen von der Einrichtung der Schule. Diese Einrichtung gehört mir noch heute, und ich bin daher auch nicht geneigt, auf sie zu verzichten. Sie wird heute von der inzwischen verstaatlichten Schule benutzt, allmählich ganz abgenutzt und schließlich immer mehr an Wert verlieren. – Die Angelegenheit ist dringend, da ich selbst Geld brauche. Ich bitte Sie daher, mir als Ausgleich für die Benutzung eine ¼ jährlich zahlbare Rente zu bewilligen neben der Zahlung eines einmaligen grösseren Betrages als Ausgleich unter Berücksichtigung des Umstandes, dass mir meine Existenz genommen wurde.

Zoellners Forderung nach Rente, Kompensation und schneller Abwicklung war verständlich, aber wenige Wochen vor Kriegsende völlig illusorisch. Kein Wunder, dass sein Appell an das inzwischen von Stuttgart nach Tübingen ausgelagerte Kultministerium ungehört verhallte und Zoellner erst im Juli 1946 vom Land Württemberg eine – aus seiner Sicht viel zu geringe – Abfindung erhielt.

Der Verlust der Schule, die Ablösung als Leiter und die Geringfügigkeit der Abfindung schmerzten ihn, je mehr die Zeit voranschritt und er Muße hatte, über die erlittene Ungerechtigkeit nachzudenken. Am Ende verstand Zoellner den administrativen Eingriff als persönliche Bestrafung für seinen politischen Nonkonformismus und verkannte dabei, dass selbst begeisterte Parteigenossen nur in Einzelfällen ihren Posten als Privatschulleiter behielten, und auch nur dann, wenn sie – wie etwa Dr. Wilhelm Kuchenmüller vom Birklehof – jünger waren und nach Recht und Gesetz noch verbeamtet werden konnten. 
 
Wilhelm Speidel - der nationalsozialistische Schulleiter

Sofort nach der Entscheidung, die Schloß-Schule definitiv in staatliche Trägerschaft zu überführen und eine Deutsche Heimschule umzuwandeln, verhandelte das Württembergische Kultministerium mit der Fürstlich Hohenloesche Verwaltung in Öhringen über die Mietbedingungen. Die beiden Parteien einigten sich schnell. Bereits am 26. Januar 1944 trafen Kultministerium und Domänenverwaltung folgende Vereinbarung:

Am 1.4.44 übernimmt das W. Kultmin. mietweise alle seither an Dir. Zoellner vermieteten Räume, findet Herrn Z. selbst ab, übernimmt alle von diesem erstellten Einbauten und richtet eine Heimschule ein, die so schnell wie möglich mehr und mehr erweitert werden soll. – Das Kultmin. bittet deswegen, dass ihm:weitere Räume und auch der grosse Saal zur Verfügung gestellt werden.ein Mietvertrag auf längere Dauer zugestanden wird mit einem Vorkaufsrecht, sofern später das Schloss doch noch verkauft werden sollte.etwas von den einfachen Möbeln des Schlosses leihweise oder käuflich überlassen werden.

Auch die personelle Frage wurde zügig entschieden. Am 18. März teilte Oberstudiendirektor Dr. Dürr von der Ministerialabteilung für die höheren Schulen Direktor Zoellner mit, wen Kultminister Mergenthaler und die SS-Heiminspektion als seinen Nachfolger und als ersten – und letzten – vom Staat ernannten Leiter der Schloß-Schule auserkoren hatte. Mit sofortiger Wirkung, verfügte Dürr, wird Studienrat Speidel von der Oberschule Mühlacker zu Ihrem Stellvertreter bestellt. Die endgültige Schul- und Amtsübergabe erfolgte am 1. April, wie zu erwarten ohne jeglichen Protest und Widerstand, aber auch ohne große Ansprachen und Feierlichkeiten.

Kirchbergs neuer – allerdings nur kommissarisch eingesetzter – Schulleiter, Wilhelm Speidel, wurde am 9. Oktober 1898 als viertes Kind eines Volksschullehrers in Bissingen (Teck) geboren, wuchs jedoch in Stuttgart auf, wo er am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium auch das Abitur ablegte. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Westfront, danach diente er für kurze Zeit im „Freikorps von Windenfels“, das zur Niederschlagung revolutionärer Bestrebungen vor allem in München und Stuttgart eingesetzt war. Von 1919 bis 1923 studierte er an der Universität Tübingen die Fächer Geschichte, Englisch und Französisch, hier wurde er auch Mitglied der namhaften Studentenverbindung „Königsgesellschaft (Roigel)“. Nach bestandenen Staatsexamina unterrichtete er als Studienassessor, später als Studienrat an Heeresfachschulen, Realschulen und Oberschulen in Tübingen, Künzelsau, Marbach am Neckar und – seit 1934 – in Mühlacker an der Enz. Die Schulbehörde stellte ihm ein gutes Zeugnis aus: er sei lebhaft, bestimmt, selbstbewusst; erteilt einen frischen Unterricht, hat Lehrgeschick, und ernannte ihn – da nicht kriegsverwendungsfähig und einziger Beamter mit vollem Lehrauftrag – 1941 an der Oberschule in Mühlacker zum geschäftsführenden Schulleiter.

Bewegt durch die innere Zerrissenheit Deutschlands und durch die Erwartung, dass Hitler den vom Versailler Vertrag und den Weimarer Parteien gestörten sozialen und politischen Frieden herbeiführen könne, trat Speidel – wie Zoellner – am 1. Mai 1933 in die NSDAP und ihre wichtigsten Gliederungen ein. Doch anders als Zoellner engagierte er sich und nahm in Partei und NS-Lehrerbund eine Anzahl nicht unbedeutender Ämter ein: so war er Ortsgruppenamtsleiter, stellvertretender Ortsgruppenleiter, stellvertretender Kreisamtsleiter, NSLB-Kreisabschnittsleiter, Schulungsleiter und Fachberater für Geschichte. Überdies wurde er 1935 in Mühlacker zum ehrenamtlichen Ratsherrn berufen. Obschon gottgläubig, trat er 1942 aus der evangelischen Kirche aus. Im Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer in Kornwestheim erklärte Speidel nach dem Kriege sein parteipolitisches Engagement so:

Nachdem ich Mitglied [der NSDAP] geworden war, konnte ich mich den mich ergehenden Aufträgen zur Übernahme von Ämtern nicht entziehen, zumal Kultminister Mergenthaler den Lehrern Mitarbeit zur Pflicht machte. Die Politisierung des Standes wirkte sich bei den Lehrern in der Kleinstadt und auf dem Lande besonders krass aus. Mein Studium der Geschichte bot weiterhin die fachliche Voraussetzung für die Berufung in entsprechende Ämter.

Ich betone ausdrücklich, dass ich mich nicht ein einziges Mal um ein Amt bemühte; vielmehr hatte ich in den meisten Fällen ungefragt einer schon vollzogenen Verpflichtung durch Parteidienststellen oder die Behörde nachzukommen, wodurch ich in Stellungen und Ämter hineingeschoben wurde, deren Aufgaben weit jenseits meines Wollens und meiner Neigung, ja meiner Arbeitskraft lagen.

Speidel wurde – übrigens ohne irgendeine Beförderung oder Amtszulage – nach Hohenlohe versetzt und, 46-jährig, zum Leiter der – wie sie jetzt offiziell hieß – Staatlichen Oberschule für Jungen mit Schülerheim Schloss Kirchberg/Jagst ernannt, nicht nur weil er ein eifriger Parteigenosse, sondern auch einer der wenigen tüchtigen Lehrer mit Schulleitererfahrung war, die am Ende des Krieges für anspruchsvolle Führungsaufgaben überhaupt zur Verfügung standen. Andere Landerziehungsheime hatten da weniger Glück. An der Schule Schloß Salem zum Beispiel, die ebenfalls 1944 verstaatlicht und als Deutsche Heimschule gleichgeschaltet wurde, mussten innerhalb eines Jahres drei von Kultministerium und SS-Heiminspektion eingesetzte Leiter wegen mangelnder pädagogischer und organisatorischer Fähigkeiten wieder abberufen werden. Theodor Bracher, bereits in der Weimarer Republik Präsident der Württembergischen Ministerialabteilung für die höheren Schulen, brachte 1948 im Entnazifizierungsverfahren gegen Speidel außer dessen Lehrkompetenz einen weiteren Aspekt zur Sprache, der mit erklären kann, warum – im Gegensatz zu Salem – der Übergang in Kirchberg so friedlich und ungestört verlief. Bracher machte darauf aufmerksam, dass die politische Spitze im Stuttgarter Kultministerium mit Speidels Amtsführung nicht recht zufrieden war, da dieser die nationalsozialistischen Erziehungsziele und Personalvorstellungen nicht forsch und rücksichtslos genug vertreten und durchgesetzt habe:

Als Kultminister Mergenthaler sich entschloss, nach den vier niederen theologischen Seminaren auch die bis dahin private Jungenoberschule in Kirchberg a. d. Jagst in eine „Deutsche Heimschule“ umzuwandeln, ersah er dazu Wilhelm Speidel als bewährten Schulmann aus, zeigte sich aber gleich seinem politischen Vertrauensmann, dem gefallenen Dr. Rupert Dürr, vom Parteistandpunkt aus von seiner Tätigkeit wenig befriedigt. Speidel suchte als kommissarischer Anstaltsleiter der großen sachlichen und personellen Schwierigkeiten der Umwandlung nach Kräften gerecht zu werden, tat dies aber mit Takt und Besonnenheit und hat meines Wissens in politischer Beziehung keinerlei Einfluss oder gar Druck auf den bisherigen Anstaltsleiter, die Lehrer und die Schüler ausgeübt.

Das Schreiben Brachers scheint keiner der üblichen „Persilscheine“ zu sein, durch die alte Nazis von ihren Taten reingewaschen und zu harmlosen Mitläufern herabgestuft werden sollten; vielmehr handelt es sich hier um eine Einlassung, die offenbar den Kern trifft und der Wahrheit entspricht. Auch wenn Malermeister Wilhelm Blöß und einige andere prominente Kirchberger Bürger vor der Spruchkammer Speidel als gefährlichen Nationalsozialisten bezeichneten, der seine Schüler vollkommen im Geiste des 3. Reiches erzogen, die Schloß-Schule zu einer NS-Schule im wahrsten Sinne des Wortes gemacht und noch als Volkssturmmann kriegerische Hetzreden gehalten habe, gibt es genügend glaubwürdige Aussagen von Schülern, Kollegen und Eltern, auch aus Kirchberg, die die pauschal vorgebrachten und zum großen Teil nur auf Hörenundsagen beruhenden Anschuldigungen erheblich relativierten und – ohne Speidels nationalsozialistisches Engagement herunterzuspielen – von Ereignissen und Situationen berichteten, in denen er sich als Mensch, Lehrer und Vorgesetzter anständig verhalten hatte. Immer wieder betonten sie, Speidel habe sein Amt nicht zu politisch-propagandistischen Zwecken missbraucht, niemanden wegen Abhörens feindlicher Sender und defaitistischer Äusserungen denunziert oder wegen seiner Rasse, Religion, politischen Gesinnung schikaniert.

Speidel gehörte offensichtlich – wie die früheren Schloß-Schul-Lehrer Otto Trinkner und Karl Albrecht – zu den zwar gläubigen, aber idealistischen und anständigen Nationalsozialisten. Um dafür ein paar gewichtige Zeugen anzuführen: Adolf Zoellner charakterisierte seinen Nachfolger als ordentlichen Mann, zu dem er gleich Vertrauen fasste und dem zuliebe er weiterhin einige Klassen in Mathematik unterrichtete. Adolph Borchers, Vater zweier Schloß-Schüler, meinte vor der Spruchkammer feststellen zu können, dass unter Speidel zwischen Schulleitung–Lehrerschaft–Schülerschaft ein freier und ungezwungener Ton herrschte, jedenfalls im bedeutend höheren Maße wie er jetzt in der wiedererstandenen Heimschule vorhanden ist. Und Dr. Fritzmartin Ascher, aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1935 als Studienrat entlassen und 1948 zum – unvergessenen – Oberstudiendirektor am Albert-Schweizer-Gymnasium in Crailsheim ernannt, setzte sich – wie auch seine Frau und seine beiden Töchter – in seinem Entlastungsschreiben dezidiert für Speidel ein, weil dieser – obschon aktiver Parteigenosse – sich auch in schwierigen Lagen als charakterlich einwandfreier Mensch erwiesen habe.

Es ist nicht zu bestreiten, dass Stud.Rat Sp. ein überzeugter Nationalsozialist war; aber er ist darüber nicht zum blinden Gefolgsmann geworden, sondern hat sich den Blick für die Welt offengehalten. – Ich glaube ihm dies unbefangener bezeugen zu können als irgend ein anderer, da ich seinerzeit selbst wegen meiner jüdischen Herkunft ausser Dienst stand, aber den Berichten unserer Töchter – beide Schülerinnen von St.R. Sp.[in Mühlacker] – und sonstigen Beobachtungen nach mir sehr wohl ein Bild von jenem Lehrer machen kann.

Ich war damals bass erstaunt, als unsere ältere Tochter immer und immer wieder aus seinem Unterricht erzählte, wie er den Engländern nicht nur Gerechtigkeit widerfahren liess, sondern ganz offen eine Vorliebe für ihre Lebensform dartat. Sein Unterricht war zeitnah; aber ist das ein Vorwurf? Die Schule soll und muss den Tag anfassen; sie muss es allerdings, besonders in einer höheren Schule, sub specie aeternitatis tun. Nach allem, was wir bei unseren Kindern zu beobachten Gelegenheit hatten, hielt sich St.R. Sp’s Zeitunterricht in diesem Rahmen. …

Man wird fragen, wieso gerade ich dazu komme, für diesen Mann einzutreten. Man darf es darauf zurückführen, dass er meiner Frau in einer Stunde angstvoller Verzweiflung in seiner Eigenschaft als Parteifunktionär zur Seite stand. – Aber dies ist nicht das Entscheidende; entscheidend für mich ist die charakterliche Haltung, die St.R. Sp. stets gezeigt hat.

Das Jahr als Deutsche Heimschule

In den 356 Tagen seiner Kirchberger Amtszeit verfasste Speidel drei umfangreiche Elternbriefe, in denen er – wie bei solchen Gelegenheiten üblich – kurz über administrative Angelegenheiten informierte, wie etwa über die Festsetzung der Elternbeiträge (für Interne bis zu 420 RM im Jahr), die aktuellen Schülerzahlen (104 Internatler und 20 Externe, davon 14 Mädchen) und die im Frieden geplanten Baumaßnahmen (Neuanlage des Sportplatzes). Recht lebendig und einfühlsam berichtete er auch über die größeren Begebenheiten und Erlebnisse, die sich an der Schloß-Schule in den vergangenen Monaten ereignet hatten, zum Beispiel über den Schulausflug nach Langenburg, den Besuch der Deutschen Heimschule Künzelsau in Kirchberg und die Aufführung des Hans Sachs‘ Stück „Der junge Scholar“ an der Ruine Katharinenruhe im Schlosspark „Neuer Weg“. Darüber hinaus machte er die Eltern mit kriegsbedingten Maßnahmen bekannt: mit dem Verfertigen von Kinnschleudern als Ersatz für Gasmasken, mit der Einführung des Formaldienstes an Gewehr und Pistole und mit den – zur Heimreise und Paketabholung notwendigen – Fußmärschen und Fahrten mit dem Pferdefuhrwerk zum Bahnhof Eckartshausen.

Überhaupt gab sich Speidel größte Mühe, den Systemwechsel vom Landerziehungsheim zur Deutschen Heimschule so normal und unspektakulär wie möglich erscheinen zu lassen. In seinem ersten Elternbrief vom 17. Mai 1944 betonte er gleich zu Beginn, dass er bei der Übernahme der Schule von ihrem Gesamteindruck angenehm berührt war und dass er die Leistung seines Vorgängers und die Arbeit von Amalie Pfündel voll anerkenne und sehr wohl zu würdigen wisse:

Ebenso deutlich vermag der kundige Beobachter abzuschätzen, was der Leiter der bisherigen Privaten Schule, Direktor Zoellner, in den 18 Jahren seiner Tätigkeit geleistet hat, welche Kräfte er der Schule gewidmet und mit welch großer Freude und Opferbereitschaft er zum Wohle der Schüler gearbeitet hat. Daß er, wie auch die umsichtige Wirtschaftsleiterin, Frau Pfündel, die ja bei vielen Schülern Mutterstelle vertritt, der Schule erhalten bleiben, darf ich mit besonderer Genugtuung berichten.

Speidel versprach den Eltern Kontinuität und Zusammenarbeit. Doch wie jeder neue Schulleiter kam auch er nicht umhin, neue und eigene Akzente zu setzen, zumal er als Vertreter der nationalsozialistischen Führung in der Pflicht stand, den politischen Ansprüchen der Partei und den pädagogischen Vorstellungen seiner Vorgesetzten Geltung zu verschaffen. Mit kernigen Worten zeigte er die Punkte der Erziehung auf, an denen sich die Schloß-Schule in Zukunft orientieren werde.

Es ist nur natürlich, dass die Erziehung in einer Deutschen Heimschule vom Gedankengut der nationalsozialistischen Weltanschauung getragen ist. In erster Linie gilt es, Persönlichkeiten zu formen, die Charakter, Geist und Körper in Zucht zu nehmen gewohnt sind. Weiterhin gilt es, unsere Jungen den Begriff der Gemeinschaft erleben und leben zu lassen, denn sie bildet zu allen Zeiten das Fundament unseres Reiches. Und es gilt unsere Jugend für die Aufgaben bereit zu machen, die stets gleich groß und nie abgeschlossen sein wird und um die sie sich ihr Leben lang kämpfend mühen sollen: die Festigung, Sicherung und Erhaltung des Reiches. – Das heißt im Alltag: Arbeit, Ordnung und Einordnung, Kameradschaftlichkeit und Einsatzbereitschaft. – Das heißt im großen: Wissen um die eigene Kraft und um die Kraft eines einigen Volkes, Glaube an unser Großdeutsches Reich, an den Führer und seine Sendung.

Mit diesem Erziehungsprogramm, in dem er sich die Parole der Partei „ein Volk, ein Reich, ein Führer“ zueigen machte, sich dem soldatischen Ideal von Ordnung, Zucht und Kameradschaft verschrieb und sich – indirekt – zu Hitlers fixen Ideen von Lebensraum und Daseinskampf bekannte, stand Speidel fest und unzweifelhaft auf dem Boden der nationalsozialistischen Politik und Pädagogik. Und auch das, was er zu Schule und Unterricht zu sagen hatte, war parteikonform, klang absolut und elitär und besaß stark voluntaristische und sozialdarwinistische Züge.

Wir dürfen nicht vergessen, dass in einer Oberschule, und vor allem in einer deutschen Heimschule, junge Leute herangebildet werden sollen, die etwas leisten, weil sie etwas leisten wollen. Für Schüler, die an öffentlichen Schulen nicht mitkommen und durch Nachhilfestunden mühsam mitgeschleppt werden, ist in einer Heimschule kein Platz. Nachhilfestunden werden nur bei unverschuldet entstandenen Lücken erteilt. … Der Wille zur Leistung und zur Gemeinschaft muß auch charakterlich in der Haltung zum Ausdruck kommen. … Nie sind wir über die Begriffe „Wissen“ und „Wollen“ so eindeutig belehrt worden wie in diesem Krieg – es ist ein Krieg der Wissenschaft und der willensbewußten Haltung. Wenn wir über den Sieg hinaus auch den Frieden gewinnen wollen, müssen Wissen und Wollen Erziehungswerte der Zukunft bleiben. Diese Werte bei der Jugend zu pflegen, ist erste Pflicht im Interesse des einzelnen und des ganzen Volkes.

Vergleicht man Speidels pädagogische Ziele und Ansichten mit den Erziehungsideen seiner Vorgänger, dann werden gravierende Unterschiede deutlich. Pointiert und überspitzt ausgedrückt: Im Gegensatz zu Besser und Zoellner legte Speidel das Schwergewicht auf Auslese statt auf Förderung, auf Haltung statt auf Urteilskraft, auf Gehorsam statt auf Selbstbestimmung, auf völkische Macht statt auf persönliche Freiheit. Seine theoretischen Ausführungen hatten mit dem in Kirchberg bisher vertretenen Liberalismus, Individualismus und Gemeinsinn der Reformpädagogik und Landerziehungsheimbewegung nur wenig gemein.

Doch wie wir aus Erfahrung wissen, stimmen Erziehungstheorie und Erziehungspraxis nicht immer überein – so auch hier. Speidel erzog die Jungmannen – wie die Schüler an den Deutschen Heimschulen hießen – oft mit strenger Hand und militärischem Drill und verlangte von ihnen, dass sie in allen Lebenslagen straffe, aus freiem Willen erwachsene Zucht an den Tag legten und den Tugenden der Ehre, Treue, Mannhaftigkeit den ihnen gebührenden Platz einräumten. Als er bei seiner Amtsübernahme bemerkte, dass fast alle Jungen Haarschöpfe haben, die jedem Mädchen zur Zierde gereichen würden, meinte er, sogleich kürzend einschreiten zu müssen; und ebenso resolut schritt er zur Tat, wenn er beim gefürchteten Stubenappell entdeckte, dass Spind, Tisch, Bett nicht in Ordnung waren – da flog schon mal das schmutzige Heft, die unaufgeräumte Hose oder das nicht kantig genug gelegte Oberbett aus dem Fenster.

Aus den Erinnerungen der Altschüler wissen wir aber auch, dass Speidel für alle Mitglieder der Schule: für Kinder, Eltern und Kollegen – verbindlicher und zugänglicher war als Zoellner, dass er das im allgemeinen persönliche und freundliche Klima der Schloß-Schule nicht durch Hochmut, Arroganz und Machtbesessenheit zu ihrem Nachteil veränderte und dass er im schulischen Alltag Leistung eben nicht gemäß nationalsozialistischer Auffassung als Mittel des individuellen und kollektiven Kampfes interpretierte, sondern sie – ganz verantwortungsbewusster Pädagoge und Schulmann – als Fähigkeit verstand, sich die Kulturtechniken und Bildungsinhalte bestmöglich anzueignen, um sie dann zum Zwecke der Selbstentfaltung und Berufsausübung menschenwürdig einzusetzen. Wenn in Kirchberg nach Verstaatlichung und Amtswechsel überhaupt Änderungen eintraten, dann waren sie mehr der Persönlichkeit des Leiters und den Umständen des Krieges als der Ideologie der NSDAP geschuldet.

Unter Speidels Leitung wurde die Schloß-Schule also zu keiner Burg des Führers, wie SS-Obergruppenführer Heißmeyer es von den Deutschen Heimschulen verlangt hatte, auch zu keiner Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, wie Kultminister Mergenthaler es gerne gesehen hätte. Die Befürchtung, mit der Umwandlung in eine Staatsschule komme es zu einer totalen Gleichschaltung – diese Befürchtung erfüllte sich nicht. Denn bei aller Neigung, die Speidel zu straffer Führung und autoritärer Erziehung verspürte, wurde in Kirchberg – wie zuvor – der weltanschauliche Unterricht relativ undogmatisch erteilt, der Kirchenbesuch und Konfirmandenunterricht durchaus wohlwollend erlaubt, der monatelange Aufenthalt von Altschülern jüdischer Abstammung hilfsbereit unterstützt und – von den Lehrern – der Eintritt oder gar die aktive Tätigkeit in der Partei weder erwartet noch erzwungen.

Diese im Schulalltag praktizierte Toleranz und Zurückhaltung mochte zum Teil mit dem absehbaren Ende des Krieges zusammenhängen. Speidel teilte nämlich nicht – wie einige seiner Kirchberger Kollegen – den Glauben an Hitlers Geheim- und Wunderwaffen, die schließlich doch noch die Wende und den militärischen Sieg herbeiführen würden. Im dritten – und letzten – Rundbrief an die Eltern vom Dezember 1944 war die anfangs zumindest vorgegebene Siegeszuversicht ganz der Besorgnis gewichen. Ungeschminkt berichtete Speidel von der zunehmenden Unruhe unter Schülern und Lehrern. Die Unruhe führte er vor allem auf die schlimmen Nachrichten aus den frontnahen und luftkriegsbedrohten Wohnorten der Eltern, den zeitweilig täglichen Fliegeralarm in Kirchberg und die Einberufung des Jahrgangs 1929 zu einem fünfwöchigen Grenzeinsatz im Westen zurück. Für zusätzliche Nervosität, fügte Speidel hinzu, sorge die ständige den Kriegswirren geschuldete Schülerfluktuation: einerseits holten die Eltern ihre Kinder nach Hause, um sie vor Kriegseinsätzen und Flakhelferdiensten zu bewahren; andererseits schickten sie ihre Kinder aus den zerbombten Städten (vor allem Nürnberg, Stuttgart und Heilbronn) nach Kirchberg, um ihnen – so gut es ging – Schutz, Obhut und Sicherheit zu gewähren. Die Anmeldungen kamen wirklich in so großer Zahl, dass Speidel sich außerstande sah, alle Bewerber – sei es als Orts- oder als Internatsschüler – aufzunehmen und unterzubringen.

Was den Grenzeinsatz im Westen angehe, versicherte Speidel den Eltern, habe die Schule alles getan, um Jungmannen, die aus gesundheitlichen Gründen der Aufgabe nicht gewachsen erschienen, zurückzustellen oder zurückstellen zu lassen. Tatsächlich scheint es, als habe Speidel während seiner Kirchberger Zeit mehrmals die Einziehung von kriegspflichtigen Schülern zur Waffen-SS, zur Wehrmacht oder zum Volkssturm verhindern können. Andererseits versäumte er nicht, seine unverbrüchliche Treue zu nationalsozialistischen Idealen zu beteuern, indem er im Elternbrief – gleich anschließend an den obigen Satz – hervorhob, es sei nur selbstverständlich gewesen, dass sich gesunde Jungen einer Kriegsaufgabe der Gegenwart, auch wenn sie harte Anforderungen stellte, freudig unterzogen. Wir müssen die Gegenwart mit all ihren Pflichten, Forderungen und Gefahren bejahen; es kann und darf sich ihr heute niemand mehr entziehen. Ein echter deutscher Junge wird das im Ernst auch nicht wollen.

Im Gegensatz zu manch einem seiner Leiterkollegen an den Landerziehungsheimen, verschwand Speidel nicht plötzlich und spurlos. Er bemühte sich um einen geordneten Abgang. Am 27. März 1945, als die alliierten Verbände schon den Rhein überschritten und Kehl eingenommen hatten, wurde auf seine Anordnung hin die Schule geschlossen, der Unterricht eingestellt und die Schüler nach Hause geschickt. Speidel selbst erlebte die letzten Kriegstage im Volkssturm-Bataillon Crailsheim. Auf dem Flugplatz von Bad Aibling geriet er in amerikanische Gefangenschaft, aus der er bald wieder entlassen wurde, um – zurück in Kirchberg bei seiner Frau und den drei Kindern – abermals verhaftet zu werden. Zweieinhalb Jahre verbrachte er in den Internierungs- und Arbeitslagern von Ludwigsburg, Moosburg und Kornwestheim. Am 31. Dezember 1948 wurde er entlassen und – als Minderbelasteter – zu einem Sühnebeitrag von 100 DM und einer Bewährungsfrist von sechs Monaten verurteilt. Speidel arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter in einer Buchbinderei, wurde dann aber wieder in den Schuldienst übernommen und an seiner alten Schule, dem Gymnasium in Marbach am Neckar, zum Studiendirektor befördert. Er verstarb, fast 80-jährig, am 25. Februar 1978 in Überlingen am Bodensee.

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