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Lessons for Today. New York: Teachers College Press 1997.

Rezension in: Zeitschrift für Pädagogik 43 (Oktober 1997), S. 840-843.

John Dewey ist der wohl einflußreichste Philosoph und Pädagoge, den Amerika in unserem Jahrhundert hervorgebracht hat. In Deutschland ist er vor allem als Begründer des pädagogischen Pragmatismus und als Vater der Projektmethode bekannt. Trotz der bemerkenswerten Studien von Fritz Bohnsack ("Erziehung zur Demokratie", 1976, "John Dewey", 1979) und Karl-Hermann Schäfer ("Die Laborschule der Universität von Chicago und die Interaktionspädagogik John Deweys", 1985) wird hier immer wieder vergessen, daß Dewey während seiner Professur an der University of Chicago eine Versuchsschule gegründet und für acht Jahre - von 1896 bis 1904 - zusammen mit seiner Frau Alice und Ella Flagg Young geleitet hat. Deweys "Laboratory School" gehört zu den herausragenden Experimenten der "progressive education" und erregt periodisch die Aufmerksamkeit der amerikanischen Erziehungshistoriker. Aus der Vielzahl der Veröffentlichungen seien zwei genannt: "John Dewey as Educator" von Arthur G. Wirth (1966) und "John Dewey and the Laboratory School" von Brian Hendley (1986).

Dennoch ist die Lage nicht ganz befriedigend. Die deutschen wie die amerikanischen Historiker haben zwar Deweys Schriften intensiv ausgewertet, aber seine Briefe und die zahlreichen Stundenprotokolle und Aufsätze zur Unterrichtspraxis, die seinerzeit von den Lehrern angefertigt wurden und die jetzt in den Archiven der Universitäten von Chicago, Carbondale und New York lagern, haben sie zumeist vernachlässigt und - wenn überhaupt - nach der von Dewey selbst angeregten und von zwei ehemaligen Lehrerinnen - Katherine C. Mayhew und Anna C. Edwards (1936) - zusammengestellten Dokumentation "The Dewey School" zitiert und interpretiert. Das hier anzuzeigende Buch "Deweys Laboratory School: Lessons for Today" ist dem Konzept der "Geschichte als nützliches Wissen" verpflichtet. Laurel N. Tanner, die bekannte Schulpädagogin und Curriculum-Spezialistin aus Houston, vertritt darin die These, daß Deweys Versuchsschule ein "vergessenes Ideal" darstellt und "Lehren" bereithält, die sich - obschon einhundert Jahre alt - auch heute noch zur Lösung unserer Erziehungs- und Unterrichtsprobleme eignen.

Diese These versucht Tanner zu belegen, indem sie Deweys Theorie der "Beschäftigungen" und seine praktische Umsetzung in ein "integriertes Curriculum" beschreibt. Nach Tanner bestanden die "aktiven Beschäftigungen" an der Laborschule aus Tätigkeiten, die von den Erfahrungen und Interessen der Kinder ausgingen und zu den Inhalten und Stoffen der Wissenschaften hinführten. Sie reproduzierten typische Ausschnitte des - vergangenen und gegenwärtigen - sozialen Lebens und wurden im Unterricht so angereichert, daß sich die Kinder etwa beim Kochen, Nähen, Tischlern zwangsläufig auch Kenntnisse aus der Literatur, Geschichte, Chemie, Physik aneignen mußten. Tanner berichtet, Dewey habe zunächst Lehrer eingestellt, die kindzentriert arbeiteten und alle Fächer unterrichteten. Bald habe er jedoch seine Meinung geändert und die "Allround"-Lehrer selbst im Primarschulbereich durch Universitätsabsolventen ersetzt, die - obgleich kindorientiert - strikten Fachunterricht erteilten, weil er bei den allgemein ausgebildeten Lehrern eine Tendenz zum wissenschaftlichen "Dilettantismus" und pädagogischen "Sentimentalismus" beobachtet hatte, die er deplaziert fand und ausschalten wollte. Um die Integration der Fächer und Inhalte gleichwohl zu gewährleisten, verpflichtete er die Lehrer, eng zusammenzuarbeiten und ihre Stunden und Vorhaben in zahlreichen - formellen und informellen - Konferenzen bis ins Detail aufeinander abzustimmen. Anders als in der - vor allem deutschen - Literatur immer wieder behauptet wird, waren die Schüler der Laborschule nur im begrenzten Rahmen an der Unterrichtsplanung und Gestaltung beteiligt. Tanner weist in diesem Zusammenhang auf die unterschiedlichen Lehr- und Erziehungsvorstellungen hin, die Dewey und sein Kollege und Freund William H. Kilpatrick vertraten. Während Kilpatrick Unterricht idealtypisch als eine unablässige Folge von "Projekten" betrachtete, die von den Kindern spontan und selbstbestimmt durchgeführt wurden, sah Dewey ihn als eine Abfolge von "Beschäftigungen" an, die von den Lehrern geplant und von den Schülern unter Ausschöpfung des gesamten Methodenrepertoires - vom Vortrag und Gespräch über die Erkundung und Gruppenarbeit bis zum Experiment und Training - vollendet wurden. Tanner betont, daß für Dewey die Motivation des Kindes als alleiniges Kriterium des guten Unterrichts nicht ausreichte; vielmehr sei für ihn entscheidend gewesen, ob die ausgewählten Themen und Methoden den Kindern halfen, die "Fähigkeit des Denkens" zu steigern und die "Qualität der Erfahrung" zu verbessern. Die Lehren, die Laurel Tanner aus Deweys Schulversuch zieht, sind mannigfach. Sie betreffen Fragen der Unterrichtsdisziplin, Curriculumkonstruktion und Lehrersupervision ebenso wie Probleme der Medienpädagogik, multikulturellen Erziehung und sittlichen Bildung. An der Laboratory School, so Tanner, seien alle Aufgaben des Unterrichts - wenn nicht in gültiger, so doch in vorbildlicher - Form diskutiert und gelöst worden.

Tanners Ansatz, die Geschichte der Laborschule mit Gedanken und Überlegungen in Verbindung zu bringen, die uns auch heute noch beschäftigen, ist nicht ohne Reiz und Bedeutung, zumal dadurch unser Denkhorizont erweitert und unser Problembewußtsein geschärft wird. Doch Tanner tut des Guten zuviel, wenn sie den Bezug zur Gegenwart nicht nur am Anfang und Ende der einzelnen Kapitel herstellt, sondern auch zwischendurch die Perspektive wechselt und bis zu drei Mal pro Seite zwischen historischer Darstellung und aktueller Betrachtung hin und her springt. Dieser permanente Perspektivenwechsel stört auf die Dauer gewaltig. Er verwirrt den Leser, weil er leicht den Überblick verliert und sich ständig vergewissern muß, wo er sich - in der Vergangenheit oder in der Gegenwart - gerade befindet; und er hält Tanner davon ab, ihre Aufgabe als Historikerin ernsthaft wahrzunehmen und Struktur und Geschichte der Laborschule systematisch und im größeren Zusammenhang darzustellen. Tatsächlich erfährt der Leser fast nichts über den Ursprung und Kontext der Gründung, die Entwicklung der Schüler- und Lehrerzahlen, das Curriculum der verschiedenen Gruppen und Altersstufen. Auch wie der Tagesplan aussah, der Unterricht ablief, die Prüfungen vonstatten gingen, die Schülermitwirkung erfolgte, die Lehrerkooperation funktionierte, weiß er wegen der häppchenweisen Information und gegenwartsbezogenen Interpretation am Ende nur sehr ungenau. Tanner beschwört immer wieder den experimentellen Charakter der Schule. Aber sie gibt keine Auskunft darüber, in welcher Form an der Universität Chicago erziehungswissenschaftliche Forschung stattfand und welchen Einfluß sie auf die Bestimmung der Lernziele, Inhalte und Methoden, auf die Modifikation der Unterrichtseinheiten, Elemente und Materialien ausübte. Wie schon bei den Vorgängern dient ihr Mayhew und Edwards' Bericht als Leitlinie und Grundlage. Auch hier bleibt er unkritisiert und unhinterfragt. Tanner untersucht zum Beispiel nicht, inwieweit Widersprüche zwischen Deweys Unterrichtstheorie und der Laborschulpraxis und zwischen Mayhew und Edwards' Buch und den Tagebuchnotizen bestehen, die von den Lehrern überliefert sind, obwohl bereits ein kursorischer Vergleich der verschiedenen Texte deutlich macht, daß selbst die Hauptlehrer der Schule nicht immer nach Deweys Vorgaben unterrichteten, daß die vielgerühmte "experimentelle Methode" in Wirklichkeit mehr "reproduktiven Demonstrationen" als "rekonstruktiven Explorationen" glich, daß die Laborschule vom postulierten Ideal einer "democratic community" weit entfernt war und den herbartianischen Konzepten der "Konzentration des Unterrichts" und der "Rekapitulation der Menschheitsgeschichte" näher stand, als seine Anhänger je zugeben würden. Wieder einmal wird nicht die - bescheidene - Rolle geschildert, die John Dewey als Administrator und Supervisor, und die - dominante - Rolle, die Alice Dewey als Lehrerin und Prinzipalin spielte.

Tanner geht diesen Fragen und Widersprüchen nicht nach, weil sie am Ergebnis einer solchen Untersuchung nicht interessiert ist: es würde den Vorbildcharakter der Laborschule - nicht der Erziehungsphilosophie Deweys - mindern und das eigentliche Anliegen der Autorin, nämlich zu zeigen, daß die Fehlentwicklungen der Gegenwart mithilfe der damals in Chicago realisierten "konkreten Utopie" leicht zu überwinden seien, furchtbar schwächen. Im Kern ist Tanners Monographie also eher eine Streitschrift für die Neugestaltung des Unterrichts als eine grundlegende Geschichte der Laboratory School. Sie fällt in mancher Hinsicht hinter dem bei Wirth, Hendley, Bohnsack und Schäfer erreichten Forschungsstand zurück. Dennoch haben die historischen Teile des Buches ihren Wert - zumindest für den deutschen Leser: denn Laurel Tanner räumt dort kurz und bündig - und überzeugend - mit einigen Irrtümern und Vorurteilen auf, die bei uns seit langem über Dewey und seine Idee der demokratischen Schule, des fächerübergreifenden Unterrichts und des Lernens am Projekt existieren.